Kolumbien nach Panama (San Blas Inseln)

Cartagena, Kolumbien -> San Blas Inseln, Panama -> Portobelo, Panama (5-10. April 2012):

Da Kolumbien und Panama immernoch die einzige Grenzregion liefern, wo die Panamericana (durchgehende Straße vom nordamerikanischen Alaska bis ins südamerikanischen Feuerland) das einzige Mal während ihrer tausenden Kilometer unterbrochen wird, bleibt einem von Süd- nach Mittelamerika eigentlich nur der Weg per Luft oder Wasser – es sei denn man liebt langwierige Dschungeltreks, ist malariaimmun, hat Freunde bei der Guerilla (FARC), den Drogenkartellen, und ist selbstmordgefährdet, denn dann geht es auch per Landstrecke. Die wenigsten der obigen Eigenschaften trafen bei mir zu und so wurde die etwas bequemere Variante übers Wasser gewählt. “Etwas bequemer”, denn obwohl es die Karibik ist, steht erstmal eine 36-stündige Segellei quer durch den Ozean auf dem Programm. Und ja auch die Karibik kann ein ziemlicher taffer Ozean sein, wenn man nicht in Landnähe ist!!

Colombia/Panama - Caribbean: our sailing boat Luka

Colombia/Panama – Caribbean: our sailing boat Luka

Am Abend als wir uns am Hafen Nautico in Cartagena trafen, um für die nächsten 6 Tage in einer 11er-Gruppe (+ Captain Tom und Partnerin Bea, als auch Jack Russell Terrier Wasczek und Welpin Smilla) mit Zwischenaufenthalt auf der San Blas Inselgruppe nach Portobelo in Panama zu segeln, wurde uns sogleich stark nahegelegt, doch die guten Mareol-Tabletten gegen Seekrankheit einzuwerfen. 36h bis zur Ankunft auf der Inselgruppe können lang sein, schon gar nachts unter Deck und einer Hitze wo man die Augen nur schwer zubekommt. Und obwohl ich mich seit meinem Fiji-Trip und den einheimischen Bootsausflügen eigentlich selbst als seekrank-imun zertifiziert habe, bekam ich durch unzählige Erzählungen von Opfern im Vorfeld und nun auch aktuellen Warnungen von Welt- und Weltumsegler Tom doch ein wenig Muffensausen und schluckte widerwillig zum ersten Mal in meinem Leben die Pille. Die nächsten 36h nach dem abendlichen Auslaufen aus Cartagena waren daher geprägt von Schläfrigkeit (Nebenwirkungen), Wellengang, Sonne & Hitze, auf-dem-Sonnendeck-chillen, wenig Essen (keine Experimente) und natürlich dem Kennenlernen untereinander. Und dabei kamen die unterschiedlichsten Charaktere zu Tage.

Colombia/Panama - Caribbean: crew on deck

Colombia/Panama – Caribbean: crew on deck

Jonas & Carla (rothaariges dt. Päarchen), Ryan & Wendy (junges kanadisches Vancouver-Ehepaar auf Panamericana-Reise), Nik & Nikki (Münchner Weltreise-Päarchen) mit ihren Freunden Verena & Katty ebenfalls von der Isar, Niko (Medizinstudent, selbsternannter Kommunist und Liebhaber schrecklicher Tatoos) und Steven (holländischer immerfröhlicher Auswanderer mit Ziel Alaska und weiter). Unser Captain, ein wuchtiger Seebär, der schon für’s Guinness-Buch der Weltrekorde als siebter und bisher letzter Mensch die Welt allein (Hund Wasczek zählt nicht) und nonstop falschrum (also gegen den Wind) mit seinem Zweimaster Luka umsegelt hat, entpuppte sich als philosophisch-liebenswürdiger Macho, der das Schiff zu jeder Sekunde im Griff hatte. Und seine Co-Captain-Partnerin Bea als hundesittende Starköchin, die uns mit Essen nur zu überhäufte und dann nicht verstand, warum man wegen des Hitze-Mareol-Wellen-Mixes grad mal einen Löffel runterbekam. Das Team war also cool, die ersten 36h auch irgendwann vorbei und mit unserem ersten warmen Karibik-Schauer liefen wir am Morgen des dritten Tages (7. April 2012) in die San Blas Inselgruppe ein.

Panama - San Blas Islands - Turtle Island

Panama – San Blas Islands – Turtle Island

Diese karibische Inselgruppe, welche östlich des Panamakanals liegt und sich von El Porvenir (gleichzeitig auch die Hauptinsel) bis an die kolumbianische Grenze hinüber zieht, besteht aus 365 Insel – praktisch eine für jeden Tag des Jahres. Nur 50 sind davon bewohnt (ziemlich ähnlich zu den südpazifischen Fiji-Insel, die ja aus 333 Inseln bestehen und eine ähnliche Bewohnungsdichte haben), ausschließlich aber von den indigenen Kunas (deswegen auch Kuna Yala als offizielle Alternative zu San Blas). Und eben temporär von ein paar Segelbooten mit reichen Pensionärspäarchen (meistens amerikanisch) oder Backpackern, die diese Strecke zwischen diesen zwei Ländern vor ca. 6-8 Jahren in ihr Lieblings- & LonelyPlanet-Programm aufgenommen haben und seither dafür sorgen, dass es pro Jahr mindestens um 50 Dollar teurer wird – Preis im Moment: zwischen 450-550 Dollarn für 5-6 Tage angebliches Paradies (Backpacker-Paradies trifft es wohl eher – mit Kreuzfahrt hat so eine Überfahrt ungefähr soviel gemein wie ein Tannenzäpfle mit einem Heineken – beides Bier, aber das war’s dann auch schon). Anyway, wir waren da, die Wellen waren weg, der Regen verzog sich auch und machte der Killersonne Platz und unsere ersten Postkarteninseln lagen vor uns. Und WOW, ach du liebe Güte, das waren mal Inseln!!

Panama - San Blas Islands: Turtle Island

Panama – San Blas Islands: Turtle Island

Los ging’s mit der Isla de Tortuga (Turtle Island), unser erster Stopp. Geankert zwischen den Riffen und im kleinen Schlauchboot übergesetzt. Kleine Insel (1 min von einer zur anderen Seite), Kokosnusspalmen, eine kleine Hütte mit zwei Kunas (Jason & Kollege) in der Mitte, weißer Strand, Riff zum schnorcheln, kein WiFi, und fertig! 24h Zeit, hmmm?! Was machen?! :) Das anfängliche Staunen und die leichte Panik wichen zunehmend der Entspanntheit und dem Angekommensein. Einfach im badewannenwarmen Wasser chillen, per schnorcheln ein paar Fischen nachstellen, Wasservolleyball um Ostereierstimmen spielen (Insider!:), oder einfach nur in den inzwischen aufgehängten Hängematten die mitgebrachte Ananas schlachten. Und nebenbei noch Eier bemalen, denn Ostern stand am nächsten Tag vor der Tür. Solche Tage gehen schneller rum als man denkt und schon befanden wir uns am einzigen Holztisch der Insel und warteten auf’s Abendessen der kochenden Kunas: Kokoswassersuppe, Kokosreis und gegrillter Fisch – simpel, geschmacklos aber einheimisch. :)

Panama - San Blas Islands: Turtle Island with Malibu Pineapple :)

Panama – San Blas Islands: Turtle Island with Malibu Pineapple :)

Der selbst importierte Rum prägte die andere Seite der Nahrungskette und sorgte für einen feucht-fröhlichen Vorosterabend, welcher am feucht-qualmenden Kokospalmenblatt-Lagerfeuer mit Sternenhimmel seinen Höhepunkt und auch sein Ende fand. Jason (der eine Kuna) hatte anfangs noch die famose Idee, die anfänglich schwer entzündbaren Palmenblätter mit Hilfe von Plastikmüell ein wenig schneller zu entfachen (ein ernstzunehmendes Problem auf den San Blas Inseln, denn der Abtransport von Müll ist einfach zu teuer), aber wir konnten ihn überzeugen, dass unsere Lungen es uns danken würden, wenn wir an diesem Abend mal darauf verzichten. Die ältere Generation (Ryan + ich) hielt ironischerweise länger durch als die Jungspunde – brachte uns aber nichts außer weniger Schlaf. Die bequemste Nacht meines Lebens war es nicht, wohl aber mit eine der coolsten Locations, an der ich jemals aufwachen durfte. Palmen, weißer Strand, türkisenes Wasser und eine natürliche Stille die man so auf dem Festland und in der Zivilisation heutzutage nicht mehr findet.

Panama - San Blas Islands: refreshment time

Panama – San Blas Islands: refreshment time

Schon kam auch schon Tom rübergeschippert (das Captain-Paar hatte auf dem Schiff geschlafen) und holte uns zum fantastischen Oster(eier)frühstück wieder an Bord, nach welchem es im Anschluß weite zur nächsten Insel ging. Pro Tag eine Insel war das Motto und zur Feier des Tages ankerten wir noch 2h inmitten dreier Inseln, wovon sich jeder eine aussuchen durfte. Die komplette deutsche Fraktion (außer mir) ging auf die einsamere der dreien, Ryan & Wendy, Steven und ich auf die, welche sogar eine Bar zu bieten hatte. Naja, Bar ist übertrieben, aber definitiv eine Theke, eine Gefriertruhe und einen Generator – Ergebnis: trauriger Kapitalismus und glückliches kühles Bier. Damit chillten wir den Ostersonntag in der karibischen Badewanne und wurden am Nachmittag von Tom per Schlauchboot wieder eingeammelt. Abendessen, gemütlicher Gitarrenabend auf Deck, an Deck schlafen und am nächsten Morgen als nächstes Ziel die nächste Insel.

Colombia/Panama - Carribean: on our way to Portobelo

Colombia/Panama – Carribean: on our way to Portobelo

Um mal eben neu und willkürlich beschlossene panamesische Einreisescheingesetze zu umgehen (welche eine Woche vorher eine Einreisegebühr für per Segelboot ankommende Reisende von US$ 105 eingeführt hatten – in dieserlei Hinsicht und dem Weg wie diese zustande kam, kann man von Panama getrost noch von einer Bananenrepublik sprechen), beschloß Captain Tom nach einigen Funkgesprächen mit befreundeten Hafenbehörden das Anlaufen der Hauptinsel El Porvenir. Hier sollte das Gesetz aufgrund des Unabhängigkeitsstatus der Kula Yana Region erst einige Wochen später eingeführt werden und wir so noch gratis in Panama einreisen können. Gesagt getan: Kursänderung!! Die dritte Tag in dem San Blas Archipel trieb uns also zur Immigrationsbehörde der Hauptinsel, wir chillten weiter an Deck, Tom dampfte nach dem Ankern mit allen Reisepässen ab und kam nach einigen Stunden mit den nötigen Einreisestempeln zurück – wir waren soeben nach ein paar Tagen auf internationalen Gewässern, erfolgreich in Panama eingereist. Mittelamerika. Zentralamerika. Wie auch immer, ich war da, endlich!! Über Nacht ging es noch einmal 12h an der karibischen wellenreichen Küste weiter Richtung Portobelo, wo wir am Morgen um 5 Uhr früh gesund und sicher einliefen, uns nach einem letzten Frühstück von der menschlich-tierischen Besatzung verabschiedeten, um anschließend von Tom und Schlauchboot an den altehrwürdigen und inzwischen verfallenen Hafen von Portobelo gebracht zu werden. Nicht alle Panamesen waren glücklich, dass wir so eigentständige Backpacker waren und unsere Rucksäcke vom Landungsteg selbst zum Bus tragen wollten (einer sogar so angepisst, dass er hand- un fußgreiflich wurde und nur mal eben unser seit 5 Tagen mühsam aufgebauter Chillfaktor uns vor einer direkten Schlägerei, und wer weiß, vielleicht sogar Messerstecherei, bewahrte). Auch diese nette Willkommensaktion sorgte dafür, dass wir Portobelo keines Blickes würdigten und uns direkt in den nächsten Chicken-Bus (alte, ausgemusterte und bunt bemalte amerikanische Schulbusse) Richtung Panama City setzten. Ein wirklich auf seine Weise entspannter Segeltrip und sehr zu empfehlender Weg, von Kolumbien nach Panama überzusetzen…

Link to my gallery (all great photos) – Colombia/Panama – Sailing

PS: Auch der in vorigen Posts viel zitierte Freund Gunnar hat diesen Trip (anderes Boot, andere Crew und andersherum von Panama nach Kolumbien) im Januar dieses Jahres gemacht. Herausgekommen sind zwei tolle Videos, die sehr gut die Inselwelt, das Flair, die umwerfende Schoenheit und vor allem die Freiheit zeigen. Lohnende 10 Minuten!!

San Blas Islands 1/2

San Blas Islands 2/2

Jörg Denkel

...

Comment (1) Write a comment

Leave a Reply

Required fields are marked *.